Dort hatten sie Briefe, Fotos und kleine Geheimnisse versteckt.
Nach dem Tod der Großmutter war der Sekretär in Julias Büro gebracht worden.
Daniel hatte ihn nie gemocht.
Er wollte ihn mehrfach wegwerfen lassen.
„Im Büro steht ein alter Schreibtisch“, sagte Julia.
„Unter der linken Seite ist eine lose Diele.
Nele muss dort etwas versteckt haben.“
Eva schickte zwei Beamte mit Julia dorthin.
Leni blieb bei einer speziell geschulten Kollegin in der Wache.
Sie bekam Wasser, einen Apfel und einen kleinen Polizeiaufkleber, den sie jedoch nicht anrührte.
„Kommt Mama wieder?“, fragte sie immer wieder.
„Ja“, sagte die Beamtin.
„Sie sucht nur etwas, das Tante Nele helfen kann.“
Im Büro schob Julia den schweren Sekretär zur Seite.
Darunter war kein loses Brett zu sehen.
Für einen Moment glaubte sie, sich geirrt zu haben.
Dann erinnerte sie sich daran, dass ihre Großmutter die Stelle später mit einem dünnen Teppichstück verdeckt hatte.
Julia zog daran.
Ein schmaler Holzstreifen löste sich.
Darunter lag ein brauner Umschlag.
In dem Umschlag befanden sich der ursprüngliche Gesellschaftsvertrag, mehrere Kontoauszüge und ein kleiner Speicherstick.
Die Dokumente zeigten, dass Julia und Nele gemeinsam die Mehrheit am Familienunternehmen besaßen.
Daniel hatte in den vergangenen Monaten Übertragungen vorbereitet, durch die ihre Anteile an eine von ihm kontrollierte Firma gehen sollten.
Auf mehreren Seiten waren Julias und Neles Unterschriften zu sehen.
Julia hatte keine davon geleistet.
Der Speicherstick enthielt Aufnahmen aus dem Büro.
Nele hatte offenbar Verdacht geschöpft und eine kleine Kamera aufgestellt.
Darauf war Daniel zu sehen, wie er Unterlagen fotografierte, Stempel benutzte und mit einem unbekannten Mann über gefälschte Vollmachten sprach.
In einer Aufnahme sagte Daniel: „Sobald beide Schwestern unterschrieben haben, gehört der Laden mir.
Julia fragt nicht nach.
Und Nele bringe ich zum Schweigen.“
Julia musste sich setzen.
Sie erinnerte sich an jedes Mal, wenn Nele sie vor Daniel gewarnt hatte.
An jedes Gespräch, das Daniel anschließend als Eifersucht bezeichnete.
An jedes Familienessen, bei dem er Neles Worte verdrehte, bis Julia selbst an ihrer Schwester zweifelte.
Er hatte nicht nur Geld verschoben.
Er hatte die beiden Schwestern gegeneinander ausgespielt, damit niemand seine Schritte überprüfte.
Als Julia mit den Beweismitteln zur Wache zurückkehrte, wartete bereits eine Nachricht des Einsatzteams.
Das rote Haus war gefunden worden.
Die Eingangstür war verschlossen, an den Fenstern befanden sich von innen angebrachte Bretter.
Die Beamten hörten Geräusche aus dem Keller.
Sie brachen die Tür auf.
Nele lag nicht bewusstlos und auch nicht schwer verletzt dort, doch sie war erschöpft, unterkühlt und völlig verängstigt.
Daniel hatte sie mit Wasser und abgepacktem Essen versorgt, aber die Kellertür von außen verriegelt.
Mehrfach hatte er sie gezwungen, Dokumente zu unterschreiben.
Sie hatte sich geweigert.
Die Videos hatte sie in kurzen Momenten aufgenommen, in denen Daniel glaubte, das alte Telefon liege ausgeschaltet auf einem Tisch.
Einmal gelang es ihr, das Gerät in seiner Tasche zu verstecken.
Daniel nahm es mit nach Hause und schloss es in der Garage ein, ohne zu wissen, dass Nele mehrere Aufnahmen gespeichert hatte.
Er plante, das Handy später zu zerstören.
Leni war ihm zuvorgekommen.
Als Nele ins Krankenhaus gebracht wurde, durfte Julia kurz zu ihr.
Die Schwestern sahen einander durch die offene Tür, und für einen Moment sagte keine etwas.
Dann lief Julia zu ihr.
„Es tut mir leid“, flüsterte sie.
„Ich hätte dir glauben müssen.“ Nele hob mühsam die Hand und legte sie an Julias Wange.