Diesmal rief sie nicht mich an.
Sie schickte Heather.
Meine Schwester stand am frühen Abend vor unserer Tür, einen dicken Umschlag unter dem Arm.
Sie wirkte erschöpft, aber nicht reumütig.
„Ich möchte nur reden“, sagte sie.
Marcus blieb im Wohnzimmer, während ich mit ihr am Esstisch Platz nahm.
Mia war bei einer Freundin.
Ich war erleichtert, dass sie Heather nicht sehen musste.
Meine Schwester legte den Umschlag vor mich.
Darin waren ausgedruckte Familienfotos.
Meine Eltern mit Kaye am Strand.
Kaye vor dem Weihnachtsbaum.
Kaye auf dem Schoß meines Vaters.
Auf keinem Bild war Mia.
„Mom sagt, das Haus müsse in der Familie bleiben“, erklärte Heather.
„Das Haus gehört bereits drei Familienmitgliedern.“
„Du weißt, was ich meine.“
„Nein.
Sag es deutlich.“
Heather presste die Lippen zusammen.
„Kaye ist dort aufgewachsen.
Dieses Haus ist ihr Zuhause.“
„Kaye lebt mit dir zwanzig Minuten entfernt.“
„Sie verbringt fast jedes Wochenende dort.“
„Mia wurde nie eingeladen, ein Wochenende dort zu verbringen.“
Heather sah weg.
„Das war Moms Entscheidung.“
„Und du hast davon profitiert.“
„Ich habe niemanden gezwungen, Kaye zu lieben.“
Der Satz traf mich mit solcher Kälte, dass ich einen Moment lang nichts sagte.
Dann schob ich die Fotos zu ihr zurück.
„Genau darum geht es.
Ihr redet über Liebe, als wäre sie ein begrenzter Besitz.
Als hätte Mia etwas weggenommen, wenn man auch sie gefeiert hätte.“
„Du übertreibst wegen einer Torte.“
„Deine Mutter hat eine falsche Meldung an Mias Universität geschickt.“
„Das kannst du nicht beweisen.“
Ich legte mein Handy auf den Tisch und spielte die entscheidende Passage ab.
Heather wurde still.
Als die Stimme unserer Mutter sagte, Mia gehöre nicht an diese Universität, sackten Heathers Schultern ein.
Für einen Augenblick glaubte ich, sie würde endlich verstehen.
Dann flüsterte sie: „Mom war aufgebracht.“
„Das ist deine Erklärung?“
„Sie hatte Angst, ihr Zuhause zu verlieren.“
„Und deshalb durfte sie die Zukunft meiner Tochter angreifen?“
Heather griff nach dem Umschlag.
„Ich will nur verhindern, dass die Familie auseinanderbricht.“
„Die Familie ist nicht an meinem Brief zerbrochen.
Sie ist in dem Moment zerbrochen, als ihr beschlossen habt, dass Mia weniger zählt.“
Sie ging ohne Abschied.
Zwei Tage später bat die Universität Mia zu einem Videogespräch.
Dr.
Vogt nahm teil, außerdem ein Mitarbeiter der Stipendienstelle und eine Juristin der Hochschule.
Mia wollte zuerst, dass ich für sie sprach.
Dann setzte sie sich selbst vor den Laptop.
Sie beantwortete jede Frage ruhig.