„Frau Richterin Vance?“
Die drei Worte veränderten den ganzen Raum.
Mike Donnelly ließ die Hand von seinem Taser sinken.
Seine Haltung wurde steif, beinahe militärisch.
Einer der Sicherheitsleute, der eben noch auf Elena zugegangen war, blieb mitten im Schritt stehen.
Eleanor Sterling dagegen hielt Leo weiterhin fest an ihre Brust gedrückt.
Ihr Gesicht zeigte für einen Moment nichts als Verwirrung.
Dann lachte sie kurz und scharf.
„Richterin?“, sagte sie.
„Sie ist arbeitslos.
Mein Sohn bezahlt alles für sie.“
Donnelly sah sie nicht einmal an.
Sein Blick blieb auf Elena gerichtet, auf ihrer aufgeplatzten Lippe, dem Blut auf dem Bettlaken und ihren zitternden Händen.
„Ma’am“, sagte er zu einem der Männer, „nehmen Sie das Kind vorsichtig entgegen.
Sofort.“
„Nein!“ Eleanor wich zurück.
„Das ist mein Enkel.“
„Es ist ihr Sohn“, erwiderte Donnelly.
„Und Sie stehen im Verdacht, ihn gegen den Willen seiner Mutter aus diesem Zimmer bringen zu wollen.“
Eleanor drückte Leo fester an sich.
Der Säugling schrie nun so laut, dass seine kleine Stimme heiser klang.
Luna weinte im zweiten Bettchen.
Elena spürte, wie sich ihr Körper gegen den Schmerz aufbäumte, doch sie zwang sich, ruhig zu bleiben.
„Bitte“, sagte sie.
„Geben Sie mir mein Kind.“
Einer der Sicherheitsleute trat langsam näher.
„Frau Sterling, übergeben Sie das Baby.
Niemand will, dass ihm etwas passiert.“
Eleanor sah zur Tür, dann zum Flur.
Es war nur ein kurzer Blick, aber Donnelly bemerkte ihn.
Er hob sofort das Funkgerät.
„Aufzüge sperren.
Treppenhäuser besetzen.
Niemand aus diesem Zimmer oder aus dem Wartebereich verlässt die Etage.“
„Das ist lächerlich“, rief Eleanor.
„Sie kann euch nicht einfach herumkommandieren, nur weil sie irgendeinen Titel behauptet.“
Donnelly trat einen Schritt auf sie zu.
„Sie behauptet ihn nicht.
Ich habe vor drei Jahren als Polizeikapitän in ihrem Gerichtssaal ausgesagt.
Das ist Bundesrichterin Elena Vance.“
Eleanors Blick sprang zu Elena.
Zum ersten Mal seit sie das Zimmer betreten hatte, wirkte sie nicht überlegen.
Sie wirkte unsicher.
Der Sicherheitsmann nahm Leo schließlich aus ihren Armen.
Eleanor versuchte, ihn festzuhalten, doch Donnelly packte ihr Handgelenk, ohne grob zu werden.
„Loslassen.“
Als Leo wieder auf Elenas Brust lag, brach etwas in ihr auf.
Nicht die kontrollierte Wut, die sie bis dahin getragen hatte.
Es war Erleichterung, so heftig, dass sie kaum Luft bekam.
Sie drückte ihre Wange an seinen Kopf und hörte sein Weinen langsam schwächer werden.
Eine Krankenschwester nahm Luna aus dem Bettchen und legte auch sie zu Elena.
Beide Kinder lagen nun in ihren Armen, während Eleanor wenige Schritte entfernt von zwei Sicherheitsleuten bewacht wurde.
„Sie hat mich angegriffen“, sagte Eleanor plötzlich.
„Sie hat versucht, mir das Baby wegzureißen.
Ich wollte nur helfen.“
Elena hob den Blick.