Dann meine Kleidung.
Danach meine Telefonate.
Wenn ich widersprach, sprach er tagelang nicht mit mir.
Wenn ich mich entschuldigte, brachte er Blumen mit und behauptete, ich hätte ihn zu weit getrieben.
Als ich schwanger wurde, zog seine Familie vorübergehend bei uns ein.
Helena nannte es Unterstützung.
In Wirklichkeit wurde unser Haus zu einem Ort, an dem jede meiner Bewegungen beobachtet wurde.
Wenn ich länger schlief, war ich faul.
Wenn mir übel war, war ich undankbar.
Wenn ich Alex anrief, stand Victor daneben.
Der erste Schlag war keine Faust gewesen.
Nur ein Stoß gegen die Schulter, nachdem ich mich geweigert hatte, Helena mein Bankpasswort zu geben.
Danach entschuldigte Victor sich eine ganze Nacht lang.
Ich glaubte ihm, weil ich glauben wollte, dass der Mann, den ich geheiratet hatte, noch irgendwo existierte.
„Ich dachte, ich könnte es beruhigen“, sagte ich.
Alex schüttelte den Kopf.
„Du musst mir nichts erklären.“
Am Nachmittag kamen zwei Ermittlerinnen in mein Krankenzimmer.
Eine von ihnen legte eine durchsichtige Beweismitteltüte auf den Tisch.
Darin befanden sich die Teile meines Telefons.
„Die Nachricht an Ihren Bruder wurde bestätigt“, sagte sie.
„Außerdem haben wir das Video Ihrer Schwägerin gesichert.“
Ich schloss die Augen.
Die Vorstellung, dass fremde Menschen meine Hilflosigkeit gesehen hatten, erfüllte mich mit Scham.
Die Ermittlerin schien es zu bemerken.
„Sie haben nichts getan, wofür Sie sich schämen müssen.“
Dann erklärte sie mir, dass Noras Livestream nicht nur an drei Freundinnen gegangen war.
Sie hatte die Aufnahme in einer privaten Gruppe geteilt, in der mehr als vierzig Personen waren.
Einige hatten gelacht.
Andere hatten nur zugesehen.
Zwei hatten den Stream aufgezeichnet.
Eine Frau hatte noch vor Alex die Polizei alarmiert, aber keine genaue Adresse gekannt.
Das Video zeigte alles.
Victors Befehle.
Meinen Sturz.
Den ersten Schlag.
Helenas Worte.
Raúls Aufforderung, mich festzuhalten.
Noras Weigerung, die Kamera zu senken.
Auch Victors Satz war deutlich zu hören:
„Heute lernst du, was passiert, wenn du mich blamierst.“
Die Ermittlerin öffnete eine zweite Akte.
„Es gibt noch mehr.“
Nora hatte auf ihrem Telefon nicht nur den Livestream vom Morgen gespeichert.
In den vergangenen Monaten hatte sie kurze Videos von mehreren sogenannten Familienmomenten aufgenommen.
Offenbar schickte sie diese an Freunde, um sich über mich lustig zu machen.
Auf einer Aufnahme zwang Helena mich, hochschwanger den Boden zu schrubben, während Victor meine Schuhe versteckte.
Auf einer anderen blockierte Raúl die Haustür, als ich zu einer Vorsorgeuntersuchung wollte.
Ein drittes Video zeigte Victor, wie er mein Portemonnaie ausleerte und meine Bankkarte zerbrach.
Nora hatte geglaubt, sie sammle Unterhaltung.
In Wirklichkeit hatte sie eine Beweissammlung angelegt.
Victor wurde noch am selben Morgen festgenommen.
Helena und Raúl mussten ebenfalls mit zur Wache.
Nora blieb zunächst als Zeugin dort, doch als die Ermittler die weiteren Aufnahmen sahen, änderte sich ihre Lage.
Sie hatte nicht zugeschlagen.
Aber sie hatte gefilmt, angefeuert, geschwiegen und versucht, Beweise zu löschen.