Der Mann im Stuhl hob den Kopf, und Nina Castellano erkannte Anthony Ricci erst an seiner Stimme.
„Nina.“
Sein Gesicht war geschwollen, sein Hemd zerrissen, doch der linke Ringfinger stand noch immer leicht schief.
Genau dieses kleine Detail hatte am Abend zuvor Lucas Leben gerettet.
Luca Moretti stand am Stahltisch des verlassenen Lagerhauses und legte eine Hand auf die versiegelte Akte vor sich.
Auf dem vergilbten Umschlag stand in schwarzer Schrift nur ein Name: CASTELLANO.
„Er lebt nur noch“, sagte Luca, „weil Marco nicht wusste, dass dein Vater ihm vor zehn Jahren etwas anvertraut hat.“
Anthony schluckte.
„Dein Vater wurde nicht getötet, weil er Luca Moretti bekämpfte.
Er wurde getötet, weil er herausfand, wem Marco Santini wirklich diente.“
Luca brach das Siegel.
Nina blieb auf der anderen Seite des Tisches stehen.
Unter ihrem Mantel trug sie die kleine Metallkassette, die seit dem Tod ihres Vaters unter wechselnden Fußböden, in fremden Wohnungen und schließlich unter ihrem Bett versteckt gelegen hatte.
Zehn Jahre lang hatte sie geglaubt, diese Kassette enthalte den Schlüssel zu ihrer Rache.
Nun fürchtete sie, dass sie nur einen Teil der Wahrheit kannte.
Luca zog die erste Seite aus der Akte.
Es war eine Kopie eines handschriftlichen Kontobuchs.
Neben Zahlungen an Firmen, die längst nicht mehr existierten, standen Namen von Polizisten, Richtern, Staatsanwälten und Hafenbeamten.
Ganz unten befand sich die Unterschrift von Michael Castellano.
Ninas Knie wurden weich, doch sie zwang sich, stehen zu bleiben.
„Woher hast du das?“
„Aus dem privaten Tresor meines Vaters.“
„Du hattest es die ganze Zeit?“
„Nein.“ Luca sah sie direkt an.
„Ich fand die Akte drei Monate nach seinem Tod.
Sie war hinter einer zweiten Stahlwand verborgen.
Ich wusste nicht, warum dein Vater die Aufzeichnungen angefertigt hatte.
Ich wusste nur, dass mein Vater jeden Hinweis darauf vernichten wollte.“
Nina zog die Metallkassette hervor und stellte sie auf den Tisch.
„Meiner hat auch etwas versteckt.“
Sie steckte den kleinen Schlüssel ins Schloss.
Darin lagen eine weitere Seite des Kontobuchs, ein versiegelter Brief und ein altes Foto.
Anthony schloss die Augen, als er das Foto sah.
Darauf standen Michael Castellano, Marco Santini und ein dritter Mann vor einem Hafenlager.
Der dritte Mann war damals nur ein ehrgeiziger Bundesstaatsanwalt gewesen.
Heute leitete er eine Abteilung im Justizministerium.
Luca erkannte ihn sofort.
„Daniel Reeves.“
Anthony nickte.
„Marco arbeitete seit Jahren mit ihm.
Nicht als Informant.
Als Geschäftspartner.“
Nina starrte ihn an.
„Ein Staatsanwalt und ein Mafiaboss?“
„Reeves entfernte Marcos Konkurrenten mit Anklagen.
Marco lieferte ihm Informationen, die seine Karriere beschleunigten.
Jeder gewann.
Bis dein Vater die Geldspur fand.“
Luca blätterte weiter.
Auf mehreren Seiten befanden sich Zahlungen an eine Briefkastenfirma, die Anthony als Verbindung zu Reeves identifizierte.
Andere Überweisungen führten zu Männern, die später gegen Castellano ausgesagt hatten.
Ein Zeuge war verschwunden.
Ein anderer hatte seine Aussage widerrufen und war zwei Tage später bei einem angeblichen Unfall gestorben.
Nina spürte, wie der alte Hass in ihr wieder aufstieg.
„Lucas Vater wusste davon.“
Anthony antwortete nicht sofort.