Meine Mutter griff plötzlich nach der blauen Mappe.
Der Notar zog sie weg, bevor ihre Finger sie berührten.
„Diese Papiere gehören in die Nachlassakte“, sagte er scharf.
„Sie waren in meinem Haus“, erwiderte sie.
„Sie waren in einem Möbelstück, das Sie gestern ausdrücklich Ihrem Kind überlassen haben.“
Das traf sie sichtbar.
Für einige Sekunden sagte sie nichts.
Dann zeigte sie auf den kleinen Messingschlüssel.
„Der ist wertlos.“
Der Notar nahm ihn auf.
An dem Anhänger war eine Nummer eingraviert.
„Nein“, sagte er.
„Das ist der Schlüssel zu einem Bankschließfach.
Ihr Mann hat es gemeinsam mit dieser Kanzlei registriert.
Der Zugriff sollte erst nach seinem Tod und nur in Gegenwart der im Testament genannten Person möglich sein.“
Meine Mutter wurde blass.
Mein Bruder beugte sich zu ihr.
„Du hast gesagt, es gäbe nichts mehr.“
„Das gibt es auch nicht“, fauchte sie.
„Der Mann erzählt Unsinn.“
Notar Stein sah mich an.
„Es gibt noch den Rekorder.“
Ich hatte ihn bis dahin nicht berührt.
Das Gerät war kaum größer als meine Handfläche.
Auf der Rückseite klebte ein Stück Papier mit einem Datum aus Papas letzter Krankenhauswoche.
Der Notar drückte auf die Wiedergabetaste.
Zuerst hörten wir nur ein Rauschen.
Dann das Piepen eines medizinischen Geräts.
Stoff raschelte.
Eine Tür wurde geschlossen.
Schließlich erklang die Stimme meiner Mutter.
„Du musst nur hier unterschreiben.“
Papas Atem ging schwer.
Seine Antwort war kaum verständlich.
„Was ist das?“
„Nur damit ich mich um das Haus kümmern kann.“
Dann hörten wir meinen Bruder.
„Papa, mach es nicht kompliziert.
Es ist doch sowieso klar, dass ich das Haus bekomme.“
Mein Bruder sprang auf.
„Das kann zusammengeschnitten sein!“
Der Notar stoppte die Aufnahme nicht.
Auf dem Band sagte Papa: „Ich unterschreibe nichts, was ich nicht lesen kann.“
Mutter antwortete: „Du kannst ohnehin kaum noch sehen.
Vertrau mir einfach.“
Dann öffnete sich auf der Aufnahme die Zimmertür.
Eine andere Frauenstimme fragte, warum so viele Unterlagen auf Papas Bett lägen.
Meine Mutter sagte, es handle sich nur um Versicherungsformulare.
Die Frau bestand darauf, die Papiere mitzunehmen, bis ein Arzt sie geprüft habe.
Später erfuhren wir, dass diese Stimme einer Nachtschwester gehörte.
Der Rekorder lief weiter.
Papa wartete offenbar, bis alle gegangen waren.
Dann sprach er direkt in das Gerät.
Seine Stimme war schwach, aber jedes Wort war klar.
„Falls du das hörst, haben sie versucht, das Haus zu verteilen, bevor ich überhaupt begraben bin.
Der rote Schrank geht an dich.